Winnetou | Old Shatterhand


Film Literatur

Winnetou
Old Shatterhand

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Abgegebene Stimmen: 187
Beginn der Abstimmung: 18.5.2009, 07:00 Uhr
Ende der Abstimmung: - offen -


Zwar wird dem eifrigen Karl-May-Leser schnell klar, dass es sich bei den Ich-ErzĂ€hlern „Old Shatterhand“ und „Kara Ben Nemsi“ um ein und dieselbe Person, nĂ€mlich Karl May selbst handelt – schließlich verfĂŒgen beide nicht nur ĂŒber die selben Waffen (Henrystutzen und BĂ€rentöter), sondern auch ĂŒber den berĂŒhmt-berĂŒchtigten Fausthieb, der seine Feinde bewusstlos zu Boden schmettert.

Jedoch wird dieser Umstand erst in „KrĂŒger Bei“, dem Band 21 der gesammelten Werke (und gleichzeitig zweiter Teil der „Satan und Ischariot“-Trilogie) quasi offiziell. Denn „Old Shatterhand“ verfolgt darin ĂŒber mehrere Kontinente hinweg die Bösewichter der Melton-Sippe, wodurch er mittenmang zwangslĂ€ufig zu „Kara ben Nemsi“ wird.

Und weil sich auch Winnetou an der Hatz beteiligt, ereignet sich hier etwas vom Skurrilsten, was das umfangreiche Werk des Radebeuler Volksschriftstellers hergibt, nÀmlich der Besuch Winnetous in Dresden. Die entsprechende Passage wird hier mit freundlicher Genehmigung der Karl-May-Gesellschaft wiedergegeben.*

Nach aufregenden Erlebnissen in Mexiko und San Francisco trennen sich Winnetou und Old Shatterhand, nicht ohne ein neues Treffen zu vereinbaren:

Textpassage aus Satan und Ischariot

„Am nĂ€chsten Tage ritten wir von San Francisco fort, und drei Monate spĂ€ter nahmen wir am Hole in Rock fĂŒr dreißig Monate Abschied voneinander. Er behielt das Pferd, welches ich geritten hatte, zurĂŒck, und ehe wir uns trennten, wurden, wie es auch frĂŒher stets gewesen war, der Ort und die Zeit genau besprochen, an welchem und zu welcher wir uns wieder treffen wollten.

Einige Monate blieb ich daheim; sodann ging es wieder fort, dieses Mal nach dem Orient, in welchem ich zwanzig Monate blieb. Nach meiner RĂŒckkehr von dort versteckte ich mich fĂŒr einige Zeit zwischen meine BĂŒcher und kam nur wenig unter Menschen. Wöchentlich einmal aber besuchte ich einen Gesangverein, dessen Ehrenmitglied ich war und heute noch bin. Das war meine Erholung.

Eines Sonnabends saßen wir nach der Uebungsstunde beisammen, um ĂŒber ein Konzert zu milden Zwecken zu verhandeln, da kam der Wirt in unser separates Zimmer und teilte mir mit:

»Es sind zwei Herren da, welche mit Ihnen sprechen wollen.«

»Wer ist’s?«

»Ich kenne sie nicht. Der eine ist ein junger, sehr anstĂ€ndiger Herr, der andere aber ein ganz eigentĂŒmlicher dunkelfarbiger Mensch. Er spricht kein Wort, nimmt den Hut nicht ab und sieht einen mit seinen Augen an, daß man sich ganz unheimlich fĂŒhlt.«

Textpassage aus Satan und Ischariot

»Scharlieh!« rief es da unter der offen gebliebenen ThĂŒr.

Ich sprang schnell auf. Scharlieh pflegte Winnetou meinen deutschen Vornamen auszusprechen. Und da stand er unter der ThĂŒr! Winnetou, der berĂŒhmte HĂ€uptling der Apatschen in Dresden! Und wie sah der gewaltige Krieger aus! Eine dunkle Hose, eine ebensolche Weste, um welche ein GĂŒrtel geschnallt war, einen kurzen Saccorock; in der Hand einen starken Stock und auf dem Kopfe einen hohen Cylinderhut, der er nicht abgenommen hatte! Ich erzĂ€hle die Thatsache in einfacher, kurzer Weise, brauche aber wohl kaum zu versichern, daß meine Ueberraschung, mein Erstaunen, ihn hier zu sehen, wenigstens ebenso groß wie mein EntzĂŒcken darĂŒber war.

Ich sprang auf ihn zu; er kam mir ebenso rasch entgegen; auf halbem Wege fielen wir uns in die Arme. Wir kĂŒĂŸten uns wieder und immer wieder, betrachteten uns in den Zwischenpausen und brachen schließlich in ein herzliches GelĂ€chter aus, was bei dem Apatschen noch nie vorgekommen war. Die Gestalt, in welcher er seinen Shatterhand vor sich sah, war gar so zahm, und die Figur, welche der tapferste Krieger der Apatschen bildete, war so friedlich und so drollig, daß ein Hexenmeister dazu gehört hĂ€tte, sich des Lachens zu enthalten.

Er hatte nicht auf die RĂŒckkehr des ihn anmeldenden Wirtes gewartet, sondern war demselben gefolgt. Nun kam auch der junge Herr, der bei ihm gewesen war; das war kein anderer als – Franz Vogel, der frĂŒhere SchĂŒler meines Kapellmeisters.

Die anwesenden SĂ€nger kannten den Apatschen alle aus meinen ErzĂ€hlungen. Welch ein Hallo, als ich seinen Namen nannte! ZunĂ€chst wollten sie es nicht glauben. Sie konnten sich ihn nicht anders denken, als in seiner bekannten Kleidung und mit der berĂŒhmten SilberbĂŒchse. Ich ahnte, weshalb er den Hut nicht abnahm; er hatte die FĂŒlle seines reichen, dunkeln Haares unter denselben verborgen. Ich nahm ihm den Cylinder ab; da wurde es frei und fiel ihm wie ein Mantel ĂŒber die Schultern und weit auf den RĂŒcken herab. Jetzt glaubten sie, daß es der Apatsche sei. Alle HĂ€nde streckten sich ihm entgegen, und als so ein begeisterter Bassist das »Dreimal hoch!« anstimmte, fielen alle brausend ein.

Textpassage aus Satan und Ischariot

Wie oft hatte ich Winnetou gebeten, einmal mit mir nach Deutschland zu gehen oder mich dort zu besuchen! Es war stets vergeblich gewesen. Daß er jetzt kam, so ganz unerwartet, mußte einen höchst wichtigen Grund haben. Er sah es mir an, daß ich denselben gern erfahren hĂ€tte, schĂŒttelte aber den Kopf und sagte:

»Mein Bruder lasse sich nicht stören. Die Botschaft, welche ich bringe, ist wichtig; aber ist eine Woche und mehr darĂŒber vergangen, so kann auch noch eine Stunde vergehen.«

»Wie aber hast du mich hier finden können?«

»Winnetou ist doch nicht allein. Das junge Bleichgesicht, welches Vogel heißt, ist mitgekommen. Dieser kannte deine Wohnung und fĂŒhrte mich hin. Wir hörten, du seist dorthin gegangen, wo gesungen wird; da wollte ich auch gern singen hören. SpĂ€ter kehren wir in deine Wohnung zurĂŒck, und dort werde ich dir sagen, aus welchem Grunde ich ĂŒber das große Wasser gekommen bin.«

»Gut, ich gedulde mich also bis dahin, und du sollst nun deutschen Gesang zu hören bekommen.«

Als die SĂ€nger von dem Wunsche des Apatschen hörten, waren sie natĂŒrlich gern bereit, denselben zu erfĂŒllen. Wir setzten uns mit Vogel an einen abgelegenen kleinen Tisch und bestellten Bier, welches Winnetou sehr gern, aber auch sehr wenig trank. Dann begannen die VortrĂ€ge, welche nicht anders als Konzert genannt werden mußten. Die Leute waren stolz darauf, sich vor diesem berĂŒhmten Manne hören lassen zu dĂŒrfen.

Er hielt meine Rechte in der seinigen und ich seine Linke in der meinigen. Ich war ganz glĂŒcklich, ihn einmal bei mir in der Heimat zu haben, und er war ebenso glĂŒcklich darĂŒber, mir dieses GlĂŒck bereiten zu können. Ich glaube, wir haben in den Augen der Zuschauer ein ganz rĂŒhrendes Paar gebildet. Aber jeder, der uns drĂŒben in der Savanne oder auf dem Gebirge begegnet war, hĂ€tte uns heute hier nicht wieder erkannt. Winnetou kam mir wie ein schwarzer Panther im Schafspelze vor, und ihm mochte es mit mir nicht viel anders gehen. Kleider machen auch hier wie ĂŒberall Leute.

Es war wohl gegen Mitternacht, als der Apatsche erklĂ€rte, daß er nun genug gehört habe. Die eifrigen NotenbrĂŒder hĂ€tten ihn noch gern bis morgen frĂŒh und auch noch lĂ€nger unterhalten. Er bedankte sich bei ihnen, und dann gingen wir. Er sagte kein Wort ĂŒber das, was er gehört hatte, aber da ich seine Eigenart kannte, wußte ich gar wohl, welch einen tiefen und unauslöschbaren Eindruck der deutsche Gesang in seiner Seele zurĂŒckgelassen hatte.“

Textpassage aus Satan und Ischariot
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* zitiert aus der Online-Fassung von „Satan und Ischariot“ der Karl-May-Gesellschaft, hier: 3. Kapitel: Ein MillionĂ€r. Mit freundlicher Genehmigung der Karl-May-Gesellschaft e.V., Radebeul.
Wie sowohl diese Episode als auch der ganze Satan-und-Ischariot-Zyklus ins Gesamtwerk des Meisters einzuordnen ist, erlĂ€utert kenntnisreich Walther Ilmer im Sonderheft der Karl-May-Gesellschaft Nr. 35/1982 unter dem Titel „Winnetou im Gesangsverein – Ein Traum des Gefangenen“, in dem er nachzuweisen versucht, das Teile dieser ErzĂ€hlung die schriftstellerische Verarbeitung der realen „AffĂ€re Stollberg“ darstellen – jener AffĂ€re also, die Karl May im September 1879 eine dreiwöchige Haftstrafe eingetragen hatte.

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Montag, Mai 18th, 2009 Film, Literatur
 

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