Manet | Monet
Beginn der Abstimmung: 23.1.2012, 08:00 Uhr
Ende der Abstimmung: - offen -
Édouard Manet und Oscar-Claude Monet – wer kennt sie nicht, die beiden Maler, die die bildende Kunst des 19. Jahrhunderts so nachhaltig veränderten? Und wer hat sie nie verwechselt? Für die mündliche Prüfung im Grundkurs Kunst hatte man sich zu merken, dass Monet der Impressionist war und Manet derjenige, der an Syphilis starb. Das gab schon mal 8 Punkte. Die Blockflötenfraktion wusste dann noch, dass beide ein “Frühstück im Grünen” für den Pariser Salon gemalt hatten, wovon das des einen (Manet) einen Kunstskandal auslöste und das des anderen (Monet), der dieses in Anlehnung an das des anderen malen wollte, nicht rechtzeitig fertig wurde. Dieses Wissen ließ die Kunstlehrerin in die Hände klatschen und 15 Punkte ins Büchlein schreiben.
Der Treppenwitz der Kunstgeschichte aber ist, dass dieses Pärchen eigentlich ein Trio war: Manet, Minet, Monet. Der schwedische Künstler Björn Ulvaeus widmete dieser Künstlergruppe 1976 ein Lied, das dann später von dessen Band “Abba” unter dem gefälligeren Titel “Money, Money, Money” zum Hit wurde. Aber das ist eine andere Geschichte. Die hier erzählt von Louis-Émile Minet, geboren 1841 in Rouen, gestorben 1923 in Vernon. Und sie geht so:
Édouard Manets Familie besitzt einen Sommerwohnsitz in Gennevilliers. 1845, im Alter von dreizehn Jahren verdrischt Édouard auf einem Spielplatz im nahegelegenen Rouen zwei Kleinkinder, die ihm eine Sandkarikatur zerstören – den soeben ins benachbarte Le Havre gezogenen Oscar-Claude Monet und den in Rouen ansässigen Louis-Émile Minet. Die drei entdecken nicht nur ihre Namensähnlichkeit, sondern auch ihr gemeinsames zeichnerisches Talent. Sie treffen sich fortan allsommerlich in Rouen und gründen wahrscheinlich gegen 1857 die Künstlergruppe “Les M’nets”. Dabei ist Minet – obschon der Jüngste – der Begabteste und die treibende künstlerische Kraft des Trios.
Minet hat nur ein Handicap: Seine Hässlichkeit lässt die Kinder auf der Straße schreiend davon rennen. Frauen haben Angst vor ihm und sogar Pferde scheuen, wenn sie seiner gewahr werden. Louis-Émile wird zum menschenscheuen Einsiedler und malt wie besessen, malt und malt – Landschaften und Blumensträuße, Seerosenteiche und Brücken, Schiffe und Häfen. Um auch Menschen malen zu können, verwendet er Skizzen seiner Freunde.1861, Minet ist gerade 20 geworden, bringt er eine Skizze, auf der Édouard Manet seine Eltern zu zeichnen versucht, zur Vollendung. Doch Manet ist es, der sich damit für die wichtigste Kunstausstellung jener Zeit bewirbt – dem Pariser Salon. Er wird angenommen und erhält eine lobende Erwähnung. Minet gratuliert ihm mit der Palette in der Hand. Zwei Jahre später heiratet Manet Suzanne, die Kindergartenfreundin Minets. Minet freut sich für die beiden und malt weiter.
1864 stellt Claude Monet ein Blumenstillleben in Rouen aus. Sowohl das Bild als auch der Kontakt zum Städtischen Museum stammen von Minet. Der schüttelt dem Freund die Hand und geht zurück ins Atelier. Auch Monets Erstling für den Pariser Salon 1865, zwei Seestücke, sind Minets Werke. Fünf Jahre später heiratet Monet sein Modell Camille – Minets Halbschwester. Manet zieht in den Krieg gegen Deutschland. Minet bleibt in seiner Werkstatt und malt.1874 wird Louis-Émile Minet 33 Jahre alt. Die Freunde besuchen ihn in Rouen, um mit ihm Geburtstag zu feiern. Während der Feier malt Minet, wie Claude Monet seine Frau Camille auf seinem Atelier-Boot malt und schenkt das Bild Édouard Manet, der es fortan als eigenes ausgibt. Die Feier wird turbulent und endet in einem Hotel in Le Havre. Am nächsten Morgen malt Minet vom Fenster aus den Sonnenaufgang. Auch dieses Bild verschenkt er – diesmal an Claude Monet. Dem gefällt es zwar überhaupt nicht (er nennt es spöttisch “Impressions”), aber er nimmt das Bild halt mit – und wird damit als Begründer des Impressionismus berühmt.
Minet aber malt weiter und weiter. Aus Jux stellt er 1876 ein Bild im Salon de Paris aus, das auch eine lobende Erwähnung erhält. Aber das macht ihm keinen Spaß. Er fährt auch nicht zur Preisverleihung nach Paris. Er will nur eines: malen. Und das tut er, Tag und Nacht. Die Freunde besuchen ihn von Zeit zu Zeit und nehmen stets Bilder mit. Manet entscheidet sich oft für die nackten Frauen und seltsam modern wirkenden Stücke. Er hofft immer noch, damit den großen Durchbruch zu schaffen, schafft aber nur Skandal um Skandal. Er tröstet sich mit Frauen und leidet in seinen letzten Jahren an der maladie française. Claude Monet nimmt weitere “Impressions” mit. Was soll er schon machen, die Leute reißen sie ihm aus der Hand, auch wenn er sie nicht mag.1879 stirbt Camille Monet, 1883 Édouard Manet in Paris. Monet sammelt fünf Jahre später Geld, um Manets Witwe das einzige Minet-Bild abzukaufen, das ihm gefällt. Als dies bekannt wird, muss er es dem Louvre schenken. Das einstige Skandalbild “Olympia” gilt als eines der Hauptwerke Manets und hängt heute im Musée d’Orsay. Monet ist verbittert, aber es kommt noch schlimmer: Die von Minet gemalte Serie “Kathedrale von Rouen” sorgt für Monets endgültigen Durchbruch als Impressionist. Außerdem muss er Minets Putzfrau Alice heiraten und – weil sich Minet mittlerweile aufs Malen von Seerosenbildern verlegt hat -, aufs Land ziehen, einen Garten mit Teich und japanischer Brücke anlegen und den ganzen Tag so tun, als male er. Dabei hasst Monet das Landleben. Das Malen sowieso.
Nur wenige Eingeweihte wissen von der Künstlergruppe “Les M’nets”. Ein kleiner Hinweis findet sich in Marcel Prousts Romanfragment “Jean Santeuil”. Er deutet dort an, Monets Werke seien von einem “Sammler aus Rouen” gekauft worden. Nur wer das Trio kannte, wusste, wie das gemeint war. Die letzten Lebensjahre verbringen Minet und Monet nur wenige Kilometer voneinander entfernt im Départment Eure. Minet stirbt nach einem erfüllten Malerleben 1923 in Vernon. Monet muss noch drei Jahre lang den Impressionisten spielen, umgeben von ihn bewundernden Amerikanern. Verbittert beschließt er 1926 sein verpfuschtes Leben.
Das Stichwort “Les M’nets” aber findet sich bis heute nicht in der Wikipedia. Immerhin steht dort, dass Édouard Manet heute vor 180 Jahren geboren wurde.
Übrigens: Kunstliebhaber besuchen nicht nur Frankreich, sondern auch
Pablo Picasso | Salvador Dalà – Spanien
Christo | Jeanne-Claude – Berlin
5 Kommentare to Manet | Monet
Einen Kommentar hinterlassen
Nächstes WIDL am Mo, 27.2.12:
WIDL liken und plussen
Letzte Kommentare
- Harper Marx on Charlie Harper | Walden Schmidt
- DrNI on Kurt Cobain | Courtney Love
- Dennis on Kurt Cobain | Courtney Love
- cpt. Picard on Star Trek | Star Wars
- uli on Stadt | Land
Kategorien
Adventskalender (1)
Aktuell (34)
Comic (14)
Computer (4)
Essen und Trinken (16)
Fernsehen (34)
Film (59)
Geschichte (17)
Kunst (3)
Literatur (22)
Musik (30)
Natur (7)
Philosophie (15)
Sport und Spiel (8)
WIDL Intern (48)




Vielen Dank für diese großartige Geschichte! Und für die Blockflötenfraktion :-)
Grandios recherchiert! Die Kunstgeschichte muss – wie so oft – neu geschrieben werden! Mit herzlichem Dank, Ihr Scnequé (ein Urenkel von Minet)
@chw: Die Blockflöten sind mittlerweile im Elternbeirat. Leider.
@Scnequé: Sind Sie demzufolge für die Werke Richters, Kippenbergers, Polkes, Rauchs und Kiefers verantwortlich?
Oh, schön wärs! Aber mein Feld sind Kartoffeln.
@Scnequé: Dann passen Sie bloß auf, dass die Kartoffeln keine Schnecken kriegen.