H. P. Lovecraft | Edgar Allan Poe


Literatur

H. P. Lovecraft
Edgar Allan Poe

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Abgegebene Stimmen: 79
Beginn der Abstimmung: 20.8.2012, 07:00 Uhr
Ende der Abstimmung: - offen -


Eine seltsame Fügung, wenn nicht sogar Schicksal mag es sein, dass mir am Samstag in einem staubigen Antiquariat meiner Heimatstadt ein äußerst seltsames Buch in die Hände gelangte, zu dem auch der Antiquar nichts sagen konnte. Es schien sogar, als sähe er das Druckwerk zum ersten Mal. Das Seltsamste daran war sicherlich der Umstand, dass es keinen Namen hatte. Weder Autor noch Titel prangten auf dem Umschlag. Stattdessen waren Vorder- und Rückseite mit sehr ähnlich wirkenden Bildern bestückt, die zwei verschiedene Personen am Schreibtisch sitzend vor einem Fenster zeigten. Der wesentliche Unterschied lag darin, dass am Fenster zweierlei zu beobachten war. Während auf der Buchvorderseite ein Rabe zu sehen war, zeigte die Rückseite die Tentakel eines riesigen Oktopusses.

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Vorderseite des Buches

Man muss nicht viel von Literatur verstehen, um zu begreifen, dass die RĂĽckseite H.P. Lovecraft abbildet, während die Vorderseite E.A. Poe zeigt – exakt die beiden Autoren, die wir schon vor Monaten zum heutigen WIDL-Pärchen auserkoren hatten. SchlieĂźlich wĂĽrde Lovecraft heute seinen 122. Geburtstag feiern, wäre er nicht bereits vor 75 Jahren verstorben. Das Buch selbst hatte nur wenige Seiten, ein GroĂźteil davon war herausgerissen, auch hier fehlte der Titel; ein Impressum oder andere Verlagsangaben waren nicht zu finden. Lediglich der absatzlose Anfang war ĂĽbriggeblieben, und der lautete so:

***

Als ich mich im FrĂĽhling und während eines Teils des Sommers 19.. in Paris aufhielt, machte ich die Bekanntschaft eines Herrn D. Dieser junge Mann gehörte einer sehr guten, ja sogar berĂĽhmten Familie an, die jedoch durch eine Reihe von Schicksalsschlägen in so tiefe Armut geraten war, dass die Energie seines Charakters darunter erlag, so dass er sich ganz von der Welt zurĂĽckgezogen hatte und keine Versuche mehr machte, sich in eine bessere Lage emporzuarbeiten. Seine Gläubiger waren so anständig gewesen, ihn im Besitz eines kleinen Restes seines väterlichen Vermögens zu lassen, dessen Zinsen bei äuĂźerster Sparsamkeit zu einem sehr bescheidenen Leben hinreichten, ihm jedoch auch nicht den kleinsten Luxus gestatteten. BĂĽcher waren das einzige, dem er nicht ganz zu entsagen vermochte – und diesen Luxus kann man sich in Paris ohne groĂźe Kosten leisten. Wir begegneten uns zum erstenmal in einem obskuren Buchladen in der Rue Montmartre, wo der Zufall, dass wir beide dasselbe, ĂĽbrigens sehr seltene und merkwĂĽrdige Buch suchten, uns in nähere Beziehung zueinander brachte. Dieses Buch ist bekannt unter dem Titel „Necronomicon“. Ich wusste damals nur, dass diese Schrift von dem wahnsinnigen Lyriker Abdul Alhazred aus Sanaa im Jemen verfasst worden war, der um das Jahr 700 nach Christus lebte, und eine Art dämonische Kosmologie mit Zauberanleitungen sein musste – mehr aber nicht. Doch nun standen wir beide vor diesem geheimnisvollen SchriftstĂĽck und D. erzählte mir seine Geschichte und die seines Verfassers – soweit sie bekannt war. Alhazred nämlich erforschte die Geheimnisse Ă„gyptens und Babylons und durchwanderte dabei zehn Jahre lang die innerarabische WĂĽste. Er drang bis in das sagenumwobene Irem vor, die „Stadt der Säulen“, und fand dort die Aufzeichnungen einer Rasse, die lange vor der Menschheit lebte. In seinem Wahn hatte er nicht viel fĂĽr den Islam ĂĽbrig, sondern verehrte unbekannte Wesen, die er „Yog-Sothoth“ und „Cthulhu“ nannte. An dieser Stelle unterbrach D. und wischte sich mit einem Taschentuch den SchweiĂź aus dem Nacken. Es war auf altmodische Weise kariert und trug ein Monogramm, „E.P.“. SchlieĂźlich fuhr D. schwer atmend fort: „Nach seinen Wanderungen lieĂź sich Alhazred in Damaskus nieder, wo er ab etwa 730 nach Christus an dem Manuskript des Kitab Al’Azif arbeitete – dem Buch ĂĽber das summende Geräusch, das die WĂĽstendämonen machen.“ Ăśber sein Ende – oder sein Verschwinden, so D. – im Jahre 738 schieden sich die Geister. Eine Quelle berichtet, Alhazred sei bei vollem Tageslicht von einem unsichtbaren Schrecken verschlungen worden, während die Zeugen des Geschehens, gelähmt vor Angst, nur zusehen konnten. Im Jahr 950 wurde das Azif von Theodorus Philetas von Konstantinopel heimlich ins Griechische ĂĽbersetzt. Von ihm stammt auch der bekannte Titel Necronomicon. Es muss mehrere Manuskripte gegeben haben, die auch viele der Abbildungen genau reproduzierten und ein Jahrhundert lang zu schrecklichen Experimenten gefĂĽhrt haben, bis das Necronomicon um 1050 vom Patriarchen Michael verboten und verbrannt wurde. 1228 ĂĽbersetzte Olaus Wormius eine der griechischen Fassungen ins Lateinische. Papst Gregor IX. hatte kurz nach dem Erscheinen der lateinischen Version 1232 sowohl diese als auch die griechische Ausgabe verboten. Es gab jedoch zwei gedruckte Auflagen des lateinischen Manuskripts – zuerst im 15. Jahrhundert in Deutschland in Fraktur-Schrift und danach einmal im 17. Jahrhundert in Spanien. Der englische Hofmagier Dr. John Dee soll das Buch im Jahre 1586 ins Englische ĂĽbersetzt haben. Die Ăśbersetzung wurde aber niemals gedruckt und ist nur noch in BruchstĂĽcken erhalten. Die arabische Originalversion oder auch eventuelle Kopien waren entsprechend einer Bemerkung im Vorwort der lateinischen Ăśbersetzung bereits im 13. Jahrhundert verschollen. Anfang des 20. Jahrhunderts soll eine Kopie in San Francisco aufgetaucht sein, die aber bei einem Feuer zerstört wurde. Wieder schnaufte D. schwer. „Das Necronomicon“, fuhr er fort und zog mich gleichzeitig in eine dunklere Ecke des Antiquariats, „enthält möglicherweise Informationen ĂĽber die Ă„lteren Wesen und ihre Zivilisation zur Zeit der Entstehung der Erde, ĂĽber Schlangenmenschen und verschiedene Kultstätten im nahöstlichen Raum.“ AuĂźerdem, so D., berichte das Buch ĂĽber die Kulte der Götter Azathoth, Cthulhu, Shub-Niggurath und Yog-Sothoth. Das Necronomicon behandele nicht nur ihre Herkunft und ihre Geschichte, sondern enthalte auch zahlreiche Zauberformeln und Rituale zur Anrufung dieser „GroĂźen Alten“. Das Buch soll etwa 1000 Seiten voller verschlĂĽsselter Andeutungen und Doppeldeutigkeiten enthalten, in denen verschiedene magische Anweisungen verborgen seien. Die meisten Bedeutungen und ZaubersprĂĽche dĂĽrften mit den verschiedenen Stufen der Ăśbersetzungen verloren gegangen sein.

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Rückseite des Buches

D. flüsterte nun. „Fällt dieses Buch einem Menschen in die Hände, der die schwarzen Künste beherrscht, so kann er mit dessen Hilfe über die Dämonen gebieten und sich ihre Fähigkeiten zu Nutze machen.“ Mit den Zauberformeln sei es dem Magier möglich, durch Portale in andere Dimensionen zu schlüpfen und Tote zum Leben zu erwecken. Doch schon allein das Lesen dieses Buches könnte verheerende Konsequenzen haben. All das erzählte mir D. in einer finsteren Nische der Buchhandlung stehend, während ich selbst an die Wand gelehnt atemlos seinen Worten lauschte. Meine Fingerspitzen spielten dabei fortwährend mit einem filigranen, schmiedeeisernen Gegenstand, der dort befestigt war. Gerade als D. geendet hatte, gab eine kleine vorstehende Metallspitze nach, die sich nun als Hebel herausstellte. Wir knieten sogleich nieder und untersuchten die Stelle. D., der kräftiger war als ich, zog mit aller Macht an dem Hebel. Ein kreischendes Geräusch ertönte und die Wand gab nach. Der Gang, der sich dahinter auftat, war stockfinster und stank nach etwas, das ich nicht zu erklären vermag. Fast stockfinster, muss ich sagen, denn plötzlich bemerkten wir, dass von oben ein Streifen abgedämpften Tageslichts die Dunkelheit aufhellte. D. zog zwei Taschenlampen hervor und ich wunderte mich kurz, wozu er solche Gegenstände mit sich trug. Automatisch setzten wir uns in Bewegung, leuchteten uns durch gelegentliches Aufflammenlassen einer der Taschenlampen voran. Durcheinandergewühlter Schutt weckte eine Befürchtung in uns, die wir nicht abzuschütteln vermochten. Der Lichtkegel der Taschenlampe, der über die grotesk bearbeiteten Mauern des versperrten Korridors glitt, enthüllte mehrere Torbögen in unterschiedlichen Stadien der Verschüttung; und aus einem davon drang der Benzingeruch – diesen anderen Gestank geradezu überlagernd – besonders stark. Als wir genauer hinsahen, erkannten wir, dass vor diesem Durchgang erst vor Kurzem ein Teil des Schutts hastig beiseitegeräumt worden war. Welcher Schrecken auch immer hier lauerte, nun glaubten wir, den direkten Weg zu ihm zu kennen. Ich schätze, es wird wohl niemanden wundern, dass wir jetzt lange zögerten, bevor wir weitergingen. Als wir es schließlich wagten, durch diesen schwarzen Torweg zu gehen, befiel uns zunächst Enttäuschung. Denn inmitten des Gerölls in dieser reliefgeschmückten Krypta – einem perfekten Würfel von etwa sechs Meter Kantenlänge – fanden wir kein jüngst hineingeschafftes Objekt, das uns sofort ins Auge sprang. Also blickten wir uns instinktiv, wenngleich vergebens, nach einem weiteren Durchgang um. Doch D.s scharfe Augen hatten schon eine Stelle erfasst, wo der Schutt auf dem Boden beiseitegeschoben worden war – und wir richteten das Licht der beiden Taschenlampen direkt auf diese Stelle. Obwohl das, was wir in diesem Licht sahen, eigentlich banal und belanglos war, widerstrebt es mir doch, davon zu berichten, wegen der sich daraus

***

An dieser Stelle bricht das Buch ab. Weitere Seiten waren nicht zu finden. WIDL-Leser, die das ganze Buch besitzen oder wissen, worum es sich hier handelt, oder auch, warum dieses Buch gerade jetzt aus seinem staubigen Grab auftauchte, dĂĽrfen ihr Wissen gerne mit uns in den Kommentaren teilen.

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Montag, August 20th, 2012 Literatur
 

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